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Von fremden Kulturen kann man einiges für die Kindererziehung in Bezug auf Gefahren lernen. Auch wenn sich die Frage stellt, ob die Kleinen wirklich mit Schlangen spielen sollten.

Es war in Paraguay. Ich saß am Rande eines abgelegenem Dorfs bei den Stammesjägern, als mir plötzlich ein winziges Kind auffiel, dass eine große, lebende Schlange am Schwanz packte und in der Gegend herum wirbelte. Ich hatte keine Ahnung, ob die Schlange harmlos, oder giftig war. In dem Wald, an den das Dorf grenzte, kroch jedenfalls sehr viel giftiges Getier herum. Ich war instinktiv bereit, dem Kerlchen zu Hilfe zu eilen, als ich bemerkte, dass bereits ein gutes Dutzend Erwachsener den Jungen aufmerksam beobachtete. Die meisten schienen sich über die verspielte Rotznase mit ihren zerrissenen Hosen zu amüsieren. Selbst die Eltern verkniffen es sich, einzugreifen. Sicher ein drastisches Beispiel für die völlig andere Sicht, die viele fremde Kulturen auf die Erziehung von Kindern und den Umgang mit Gefahren haben. Jedenfalls im Vergleich zu unserer sicherheitsbesessenen westlichen Gesellschaft. Meine Reisen haben mich zu etlichen entlegenen Orten in Afrika, Südamerika und Asien geführt, in denen Kindern mit Messern spielen oder über scharfkantige Steine laufen durften. Die Eltern nehmen mögliche Unfälle, Verletzungen und die vielen Tränen dabei in Kauf, weil sie glauben, dass man Kinder möglichst früh und schonungslos auf die sie umgebenden Gefahren vorbereiten sollte. „Wenn wir den Kindern verbieten, vor unseren Augen riskante Dinge zu tun, machen sie sie nur, wenn wir nicht dabei sind. Dann kann ihnen im Notfall keiner helfen.“ erklärte mir Lucy, eine altersweise Großmutter vom Stamm der Massai in Kenia, in deren Lehmhütte ich einen Tee trank. An diesen klugen Rat versuchte ich vor ein paar Wochenenden zu denken, als wir bei Freunden in Sussex zu Besuch waren. Mein zweijähriger Sohn hatte ein offenes Leatherman-Messer entdeckt (meins) und wedelte damit herum. Mir stockte der Atem. Ich faltete die Hände und flehte ihn an, es weg zu legen. Der entsetzte Ausdruck in meinem Gesicht lenkte ihn wohl ab und es gelang mir, sein Handgelenk zu packen. Doch dann fiel mir Lucys Rat wieder ein. Ich ließ ihn mit dem Messer etwas Rinde von einem Ast entfernen und einen Apfel schneiden. So konnte er selber sehen, was man mit einer rasiermesserscharfen Klinge anrichten kann. Natürlich unter strenger Aufsicht.

VON ANDEREN KULTUREN LERNEN

Auf meinen Reisen habe ich gelernt, dass man von anderen Völkern viel lernen kann. Es ist in der Regel großartig, wie sie mit Ernährung, Co-Sleeping und Altenpflege umgehen. Sie ziehen ihre Kinder in der Geborgenheit einer Großfamilie auf, in der sie früh Verantwortung übernehmen müssen. Das unterstützt ihre Entwicklung. Aber auch sie machen nicht alles richtig. Ihr Alltag ist oft genug von seltsamen Tabus und haarsträubendem Aberglauben beherrscht. Und natürlich überleben viele ihrer Kinder die ersten Lebensjahre nicht. Sicher lässt sich von fremden Völkern viel lernen, aber ich denke, ich kann mir meine Lektionen dabei selbst aussuchen. Schließlich muss mein Kind nicht im Amazonasbecken zurechtkommen, sondern im Dschungel des heutigen Blighty. Wenn er unbedingt ein Messer, oder eine Schlange schwingen will, dann nur unter meiner strengen Aufsicht.