„Stille Nacht “ – Wo das Lied der Lieder seinen Ursprung hat

Verena Wolff
7th Dezember 2021

Franz Xaver Gruber, Stille Nacht. (© Salzburger Museum, Foto: Rupert Poschacher)

Es gibt Weihnachtsschlager – und es gibt das Weihnachtslied aller Weihnachtslieder. „White Christmas“, 1942 ins Mikro geschmachtet von Bing Crosby, ist das meistverkaufte Lied aller Zeiten. Mehr als 50 Millionen Mal ist es bis heute verkauft worden. Doch ist es auch das populärste Lied für die Feiertage? Daran mag es Zweifel geben. Denn da gibt es ja noch „Stille Nacht! Heilige Nacht!“. Ein besinnliches Lied, das in den Gesangbüchern der Kirchen genauso zu finden ist wie in populären Weihnachtsschmökern, vom Internet ganz zu schweigen.

In 300 Sprachen und Dialekten auf der ganzen Welt wird das Lied heute gesungen, gut zwei Milliarden Menschen kennen Melodie und Text. Es ist Unesco-Weltkulturerbe und Weltfriedenslied, internationales Kulturgut und musikalisches Erbe gleich mehrerer Regionen in Österreich. Nicht wenige Familien gibt es, die den Klassiker nur an Heiligabend und den Weihnachtsfeiertagen spielen und singen.

Ein Lied für die Menschen in Not

Entstanden ist es in einer dunklen Zeit. Nicht nur, weil die Feiertage kurz nach der Wintersonnenwende liegen und damit zu den kürzesten Tagen im Jahr gehören. Sondern auch, weil zu Beginn des 19. Jahrhunderts viel im Umbruch war in Österreich. Grenzen wurden neu gezogen, es gab politische Umwälzungen und die Menschen litten wirtschaftliche Not. Das galt für das Fürsterzbistum Salzburg, die Habsburgermonarchie und auch für Bayern. Denn nach den Napoleonischen Kriegen war das Land verwüstet, die Bevölkerung dezimiert. Extreme Wetter und Ernteausfälle sorgten für Hungersnöte, die den Menschen das Überleben in politisch unstabilen Zeiten noch schwerer machten.

Mittendrin in dieser schwierigen Zeit verfasste der Hilfspfarrer Joseph Mohr 1816 in Mariapfarr im Salzburger Lungau ein Gedicht: „Stille Nacht! Heilige Nacht!“. Ein besinnlicher Text mit der Botschaft der göttlichen Liebe und Rettung. Sechs Strophen hat der junge Mann, der aus ärmsten Verhältnissen stammte, gedichtet, später trugen andere Verfasser sogar noch eine siebte Strophe nach. Lange Zeit ging man davon aus, dass Mohr den Text während seiner Zeit in Oberndorf, zur Christmette 1818, verfasst hatte – doch dem war nicht so. Entstanden sind die Zeilen in Mariapfarr.

Doch das Gedicht geht nicht hinaus in die Welt. Es sollte noch zwei Jahre dauern, bis Franz Xaver Gruber, ein Lehrer in Arnsdorf, die Melodie für den Evergreen zu Papier bringt. An Heiligabend 1818 präsentieren die beiden Männer das Lied zum ersten Mal in der St.-Nikola-Kirche in Oberndorf bei Salzburg – zweistimmig, dazu die Begleitung der Gitarre von Mohr. Die Wahl dieses Instruments hat allerdings nichts mit der Legende von den hungrigen Mäusen zu tun, die die Wienerin Hertha Pauli in die Welt gesetzt hat: Demnach sollen die Nager den Blasebalg der Kirchenorgel in Oberndorf angenagt haben, wodurch das Instrument unspielbar war. Vielmehr ist die Gitarre offenbar Mohrs ständiger Begleiter – und sein einziger weltlicher Besitz, als er 1848 starb.

Zwar dauerte die Freundschaft der beiden Männer ihr Leben lang – doch sie sind sich nur kurz begegnet. Denn Joseph Mohr wurde als Hilfspriester von einem Ort zum anderen versetzt. So kam er 1817 als Koadjutor nach Oberndorf. Gruber, fünf Jahre älter als der Pfarrer und Lehrer im nahen Arnsdorf, war in der St.-Nikola-Kirche Kantor und Organist in Personalunion. Ihn bat Mohr darum, seine Zeilen zu vertonen – doch nach der „Uraufführung“ des Liedes an Heiligabend 1818 blieb Mohr nur noch neun Monate in Oberndorf. Danach schickte ihn die Kirche zu seiner nächsten Pfarrei.

Das Lied zog hinaus in die Welt

Gut 200 Jahre ist es nun also her, dass Gruber und Mohr ihre „Stille Nacht!“ zum ersten Mal der Gemeinde präsentierten. Und seit vielen Jahren singen in der kleinen Kapelle in Oberndorf zu Weihnachten zwei junge Männer zur Gitarre. Die Kapelle ist nicht mehr die ursprüngliche, denn die hat ein Hochwasser der Salzach weggerissen. Aber das macht den vielen Zuhörern nichts, die aus aller Welt kommen, um den Wurzeln des Weihnachtsliedes der Weihnachtslieder nachzuspüren.

Menschen in mindestens drei österreichischen Bundesländern hatten Anteil daran, dass das Lied hinaus in die Welt zog und man es selbst in den USA inzwischen für ein Volkslied hält. Die Ursprünge des Weihnachtsliedes liegen im Salzburger Land, Komponist Franz Xaver Gruber ist in Oberösterreich geboren und aufgewachsen – und die Verbreitung des Liedes erfolgte überwiegend über Tirol. Denn: Die singende Familie von Trapp war nicht der erste erfolgreiche Export aus Österreich in die USA. Die Zillertaler Bauernfamilien Strasser und Rainer waren als Warenhändler in Europa unterwegs, um sich während der Wintermonate ein Zubrot zu verdienen. Doch sie handelten nicht nur, sondern sangen in der Ferne die Lieder aus der Heimat: So verbreiteten sie auf ihren Reisen durch Deutschland, Europa und bis in die USA das Weihnachtslied bereits im 19. Jahrhundert.

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