Im schwimmenden Hotel über das Mittelmeer

Verena Wolff
10th März 2022
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Italien. Der Hafen von Livorno ist direkt vor dem Balkon, die Norwegian Epic hat schon früh am Morgen angelegt. Was läge nicht alles im Umkreis: Pisa, Florenz, San Gimignano, die ganze Toskana. Nicht für uns. Die Siebenjährige will auf dem Schiff bleiben. Kein Wunder, das Angebot für große und kleine Kinder und Jugendliche auf den 19 Decks ist gigantisch. Man kann leicht eine Woche irgendwo schippern, ohne das Schiff auch nur ein einziges Mal verlassen zu haben. Was schade wäre, denn die Reederei bietet Fahrten in sehenswerte Regionen an. Auf dieser Reise ist es das westliche Mittelmeer: Barcelona, Neapel, Civitavecchia, der Hafenzugang nach Rom, dann noch Livorno, Cannes, Palma de Mallorca und wieder Barcelona. Der Klassiker. Das ist vor allem im Frühjahr und Herbst schön, weil es deutlich wärmer ist als in Deutschland.

Eine Kreuzfahrt mit viel Geschichte, im alten Pompeji, in Rom, in Florenz – für kleinere Kinder eher unspannend, für größere zumindest spannender als das Geschichtsbuch. Mit viel Strand, in Capri, in Cannes und in Mallorca. Interessant für alle. Oder mit viel Party. Aber auch dazu muss man das Schiff nicht eigens verlassen. Freestyle Cruising heißt das Konzept der Reederei NCL. Jeder macht, was er will. Dazu gibt es alle Möglichkeiten – auch für Kinder. Denn die haben ihre eigene Splash Academy, einen Kinderclub, der das gesamte Ende von Deck 16 einnimmt. Und eine „Arcade“, in der man Lufthockey spielen oder sich an zahlreichen Computerkisten austoben kann.

Die Kinder können laut sein, sie stören in ihrem Club niemanden. Nötig ist das vor allem, wenn das Schiff im Sommer richtig voll ist. Gut 5000 Passagiere passen dann hinein in die Kabinen der Epic, davon mehr als 1000 Kinder, wenn in Europa und den USA Ferien sind. In den familiengerechten Kabinen gibt es neben dem großen Bett noch zwei Möglichkeiten, Schlafgelegenheiten für Kinder bereitzustellen. Dann allerdings wird es eng in den regulären Kabinen, die schon für zwei Gäste nicht allzu üppig bemessen sind. Schlimm ist das nicht, denn die meiste Zeit hält man sich ohnehin in den anderen Bereichen auf. Besser sieht es in den Suiten aus, die weiter oben auf dem knapp 40 Meter hohen Schiff liegen. Da ist mehr Platz für alle, für Gäste ohne Kinder ist dort oben auch mehr Ruhe.

Verloren geht niemand auf einem Kreuzfahrtschiff

Mein Kind ist unterwegs Richtung Deck 15, das oberste, das mit dem Fahrstuhl für alle zu erreichen ist. Kaum ist der Aufzug angekommen, wuselt sie sich durch die Kreuzfahrer, wirft Handtuch und Kleidchen auf eine Liege. Mit dem dicken Gummireifen im Arm läuft sie nun zur gelb-orange gestreiften Trichterrutsche, die die Höhe mehrerer Stockwerke überwindet. Dass der Wind eher kühl vom Meer weht, geschenkt. Die Sonne scheint, sie macht vieles wett – auch im Frühjahr und im Herbst.

Gerutscht wird nun, bis die Beine müde werden, denn der Weg zum Start der drei Rutschen umfasst viele, viele Treppenstufen. Das Kind ist flugs oben und noch schneller wieder unten – Trichterrutsche, grüne Rutsche, lila Rutsche. Die Mutter kann das nicht so schlimm finden, denn so bleibt Zeit für ein Buch. Verlorengehen kann die Tochter schließlich nicht. So viel ist sicher: Vom Schiff hinunter kommt sie nicht, dazu müsste sie die Sicherheitsschleuse mit ihrer Chipkarte passieren. Aber spätestens dort ist Endstation, und sie würde zurück zu den Eltern oder in den Kinderclub geleitet.

„Die Kinder können sich auf dem gesamten Schiff frei bewegen, im Kinderclub sind sie jederzeit betreut und müssen von ihren Eltern wieder abgeholt werden“, erklärt der Leiter des Kinderclubs. Auch sehr früh am Morgen oder sehr spät am Abend sind Mitarbeiter für den Nachwuchs im Einsatz – wenn die Eltern etwa ein Dinner ohne Kinder planen oder schon sehr früh zu einem Ausflug von Bord gehen. Dann allerdings kostet das eigentlich kostenlose Programm ein paar Dollar extra pro Stunde. Und auch das Abhol-Prozedere hat es in sich: Man muss dazu die eigene und die Schiffskarte des Kindes haben und ein vorher ausgemachtes Passwort vortragen. Sonst darf das Kind nicht mit. Die Betreuer sind zwar aus vielen Ländern, doch eines haben sie gemeinsam: Sie sind vom Fach und haben eine einschlägige Ausbildung. Sprachlich ist das zwar manchmal ein ziemliches Durcheinander, doch mit ein paar Brocken Englisch kommt man immer durch. Den Sprachkurs gibt es quasi gratis zur Reise dazu.

Nach unzähligen Treppenstufen und Ritten durch die Tunnelrutschen plagt das Kind plötzlich der Hunger – nun wird die Mutter doch mal gebraucht. Sandwich, Pizza, Burger, Pommes, Salat: Die Verpflegung in den 17 Restaurants der Epic kann man getrost ebenfalls als episch bezeichnen, es gibt kaum einen Essenswunsch, der bei dem breiten Angebot nicht befriedigt werden kann. An der Ausgabe am Pooldeck allerdings geht es mittags recht amerikanisch zu – den Kindern macht das gar nichts aus. Pommes gehen immer. Und dann kommt meine Tochter doch noch mit einem Wunsch um die Ecke. „Mama, weißt du, diesen Schiefen Turm würde ich ja doch ganz gerne sehen.“ Prima.

Also: Schnell trockene Sachen anziehen, Mietwagen bestellen, runter vom Schiff. Und dann geht es über die Strada Statale 1 nach Pisa. Vollkommen unabhängig von Bussen voller Kreuzfahrer, die sich zu dem statischen Wunder am Domplatz aufgemacht haben. Zwar sieht man sie, die anderen. Aber man ist nicht Teil von ihnen. Und kann einfach so lange schauen und in der Sonne sitzen, bis die Sehenswürdigkeit sich so richtig eingeprägt hat – und bis die Menschenmenge weg ist. Und natürlich auch das eigene Insta-Foto vom Turm gemacht ist. Dann geht es wieder zurück in das schwimmende Hotel, zurück aufs Pooldeck. „Aber rutschen mag ich heute nicht mehr, das ist mir zu kalt“, sagt das Kind, das in dieser Woche nur selten ohne Bikini anzutreffen ist. Aber für die kühleren Abendstunden gibt es ja die Whirlpools an Deck.

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